Veranstaltungsbericht

Interaktiver Austausch: Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe im Bildungssystem stärken

Kann der Einsatz digitaler Medien Chancengerechtigkeit und Partizipation in unserem Bildungssystem fördern? Und was bewirkt die Digitalisierung für die demokratische Kultur in unseren Kitas, Schulen und Universitäten? Darüber diskutierten interessierte Teilnehmende aus allen Bildungsbereichen im ersten Dialogforum des Netzwerk Bildung Digital. 

Anja Reiter 15.07.2021

Interaktiver Austausch: Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe im Bildungssystem stärken

Der Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen hängt in Deutschland immer noch stark von deren sozioökonomischen Hintergrund ab. Dieser ernüchternde Befund war die Ausgangslage für das erste Dialogforum des Netzwerk Bildung Digital. In dieser monatlich stattfindenden Veranstaltungsreihe teilen Expert:innen aus Bildungscommunity, Wissenschaft und Zivilgesellschaft ihr Wissen und ihre Erfahrungen zu einem zuvor definierten Oberthema des Lernens in der Digitalität – bis November steht dabei jeder Monat unter einem anderen Thema. Das Thema des ersten Dialogforums am 7. Juli 2021: Bildungsgerechtigkeit und Demokratie.

Faktoren für Bildungsgerechtigkeit: Ganztagsbetrieb, Differenzierung und digitale Infrastruktur

Nach einer kurzen Einführung durch Moderatorin Boussa Thiam und Jacob Chammon, Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung, stimmte Kersten Reich mit einem kurzen Vortrag auf das Thema ein. Der emeritierte Professor für Pädagogik, Lehr- und Lernforschung von der Universität zu Köln beschäftigt sich in seinen Arbeiten intensiv mit den Themen Chancengerechtigkeit und Inklusion. In seinem Impuls vertrat er die These, dass das gegliederte deutsche Schulsystem verantwortlich für die große Bildungsungleichheit von Kindern und Jugendlichen hierzulande sei. 

Im Unterschied zu skandinavischen oder englischsprachigen Ländern, die auf ein inklusives, heterogenes Schulsystem setzen, würden Kinder in Deutschland schon mit zehn Jahren gemeinsam mit ihren Eltern und Lehrer:innen die große Entscheidung treffen, welche Schule die richtige für sie sei. Das sei viel zu früh – gerade für Kinder mit einer Benachteiligung. Die Erfahrung aus anderen Ländern habe gezeigt, dass verschiedene Faktoren für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgten, darunter kleine Klassen und der Ausbau des Ganztagsbetrieb, Differenzierung und Selbstlernzeiten und eine gute digitale Infrastruktur vor Ort. Kersten Reich ist sich sicher: „Wenn man Kinder mit Benachteiligung, Behinderung oder anderen Beschränkungen richtig fördert, sind sie zu viel mehr fähig, als wir denken.“

„Die Erfahrung aus anderen Ländern habe gezeigt, dass verschiedene Faktoren für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgten, darunter kleine Klassen und der Ausbau des Ganztagsbetrieb, Differenzierung und Selbstlernzeiten und eine gute digitale Infrastruktur vor Ort.“

Schulische und außerschulische Demokratiebildung zusammendenken

Kann der aktuelle Digitalisierungsschub durch die Corona-Pandemie dazu beitragen, den Blick für Fragen der Bildungsgerechtigkeit auch hierzulande zu schärfen? Und wie können Schulen, politische Entscheider:innen und die Zivilgesellschaft einen aktiven Beitrag leisten, um mehr Partizipation und Teilhabe zu erreichen? Darüber diskutierten im Anschluss an den Impuls Expert:innen aus verschiedenen Bildungsbereichen. Saba-Nur Cheema, pädagogische Leiterin der Bildungsstätte Anne Frank, blickte zwiegespalten auf die Zeit der Pandemie zurück.

Zwar habe sich ihr Bildungszentrum schnell auf die digitalen Kanäle umstellen können. Außerschulische Lernorte seien in der Pandemie dennoch „total vergessen“ worden: Die Angebote für Schulen konnten nicht realisiert und die Schüler:innen nicht erreicht werden. Um schulische und außerschulische Bildung in Zukunft mehr zusammenzudenken, hat die Bildungsstätte Anne Frank ein Serious Game entwickelt: Über das partizipative Spiel „Hidden Codes“ können sich Jugendliche mit Radikalisierung im Netz auseinandersetzen; Lehrer:innen werden darin unterstützt, das Spiel im Unterricht einzusetzen.

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Beiträge der Zivilgesellschaft zu mehr Bildungsgerechtigkeit

Carola Croll, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Digitale Chancen klang optimistischer, was mögliche positive Impulse aus der Pandemie angeht: „Wir haben in den letzten eineinhalb Jahren einen wichtigen Digitalisierungsschub erlebt. Die Zivilgesellschaft hat unglaublich viel dazu beigetragen.“ Als Beispiel führt sie die Corona School an, ein digitales Nachhilfeprojekt von engagierten Studierenden, das bildungsbenachteiligten Kindern und Jugendlichen in Zeiten der Pandemie mehr Chancen einräumen soll. Das Projekt wird über die Pandemie hinaus unter dem Namen Lern-Fair weitergeführt.

Neben Fragen der Bildungsgerechtigkeit wurden im Panel auch Fragen der Partizipation und Demokratiebildung diskutiert. Die Rolle von Lehrkräften in der Demokratiebildung sei zentral, konstatiert Dejan Mihajlović, Lehrer an der Pestalozzischule in Freiburg. Im hierarchischen Bildungssystem sei es von ihrem Wohlwollen abhängig, ob demokratische Prozesse überhaupt stattfinden oder nicht. Diese Hierarchien gelte es abzubauen. Als Lösung sieht er digitale Projekte wie aula, eine Beteiligungsplattform, auf der Kinder und Jugendliche über Fragen des Schulalltags und der Schulentwicklung demokratisch mitbestimmen können. „An unserer Schule funktioniert dieser Ansatz wunderbar. Die Kinder und Jugendlichen merken, dass die Beschäftigung mit aula sie auch außerschulisch verändert.“

Interaktives Brainstorming für Workshops zum Thema Bildungsgerechtigkeit und Demokratie

Nach dem Panel-Talk, der auch im Chat lebhaft diskutiert wurde, ging es in die interaktive Workshop-Phase: Interessierte Teilnehmende konnten sich zu Ideenwerkstätten zusammenschließen, um ihre persönliche Expertise zum Monatsthema Bildungsgerechtigkeit und Demokratie einzubringen. Auf diese partizipative Weise sollten möglichst vielfältige Perspektiven aufgenommen werden. Die Teilnehmenden des Dialogforums brachten unter anderem wertvolle Erfahrungen aus den Bereichen Bildungsverwaltung, Schule, Lehrkräftequalifizierung und Stiftungswesen mit, sie stammten aus ganz Deutschland und sogar Peru.

Ziel der interaktiven Ideenwerkstätten war es, gemeinsam Workshop-Formate zu Fragen der Bildungsgerechtigkeit und Demokratie in der Digitalität zu entwickeln. In den fünf moderierten Gruppen entstanden vielfältige Diskussionen und Impulse. Auf den digitalen Whiteboards teilten die Teilnehmenden ihre unterschiedlichen Gedanken zu den Herausforderungen der Bildungsgerechtigkeit, darunter der Zugang zu digitalen Geräten, der Ausbau von partizipativen Lehr- und Lernformaten und die Entwicklung von digitalen Beteiligungsmöglichkeiten. Aber auch ethische Dilemmata wurden kontrovers diskutiert: Welche Haltung sollte uns begleiten, wenn wir uns auf technik-gestütztes, individualisiertes Lernen einlassen?

Die bunt zusammengewürfelten Gruppen hatten eineinhalb Stunden Zeit, um sich auf eine konkrete Fragestellung für einen künftigen Workshop zu einigen. Thematisch waren ihre Interessen breit gestreut – von einem kompetenzorientierten Ansatz bis hin zu Fragen des Struktur- und Systemwandels, um mehr Bildungsgerechtigkeit zu erreichen. Im Anschluss wurden die fünf Fragestellungen von den jeweiligen Moderator:innen der Gruppe in einem kurzen Pitch im Plenum präsentiert. Durch eine virtuelle Abstimmung einigten sich alle Teilnehmenden im Plenum schließlich auf drei Favoriten, die nun als Workshop im Rahmen des Monatsthemas vertiefend angeboten werden. 

  1. Workshop am 21.07.2021: Kompetenzen für Lehrende und Lernende
  2. Workshop am 22.07.2021: Verantwortung (lieben) lernen UND Lernprozesse selbstverantworten (lassen)
  3. Workshop am 27.07.2021: Digitale Bildung für alle

Fazit und Ausblick

Das erste Dialogforum des Netzwerk Bildung Digital konnte zeigen, wie gewinnbringend es ist, sich einem Thema wie Bildungsgerechtigkeit aus unterschiedlichen Perspektiven zu nähern. Die Teilnehmenden, die aus allen Bildungsbereichen stammten, brachten unterschiedliche Blickwinkel auf die Themen Chancengerechtigkeit und Demokratiebildung entlang der gesamten Bildungskette ein. Die facettenreichen Fragestellungen können nun in den neu entwickelten Workshops vertiefend diskutiert werden. Auch die Teilnehmenden aus der Bildungscommunity lobten das neue Format. So kommentierte Gabi Netz auf Twitter: „War ein toller Austausch, danke! Super moderiert und klasse Workshop! Gerne mehr davon!“