Veranstaltungsbericht

Kenne deine Tools! Die Workshops im Themenmonat Beziehungen in der Digitalität

Die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden ist komplex. Im Zuge der digitalen Transformation unterliegt sie zudem einem Veränderungsdruck, der eine Neudefinition der Rollen und Ziele notwendig macht. Was genau bedeutet das für die Praxis? Darüber tauschten sich die Teilnehmenden der Workshops im Netzwerk Bildung Digital zum Monatsthema „Beziehungen in der Digitalität“ aus.

Klaus Lüber 27.08.2021

Kenne deine Tools! Die Workshops im Themenmonat Beziehungen in der Digitalität

Kürzlich entwickelte der Stifterverband gemeinsam mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine Jugendumfrage zum Thema Digitale Bildung. In einem zweitägigen Workshop wurden Erfahrungen im Distanzunterricht aber auch generell bei Nutzung digitaler Medien und Tools im Unterricht gesammelt. „Auffällig dabei war, wie sehr die Jugendlichen Bestätigung bei uns gesucht haben. So nach dem Motto: Haben meine Wünsche und Bedürfnisse überhaupt eine Existenzberechtigung?“, erinnert sich der Workshopleiter. Ähnliches berichtet die Leiterin eines Berufsorientierungskurses für Schüler:innen. Dort hatte sie unter anderem den Umgang mit Leistungsdruck thematisiert. „Viele berichteten mir im Anschluss, das sei das erste Mal gewesen, dass sie auf diese Weise über sich sprechen durften.“

Auf die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden wirft dies natürlich kein gutes Licht. Wie ist es möglich, dass Schüler:innen so große Schwierigkeiten haben, selbstbewusst über ihre Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen? Und welche Möglichkeiten hat man, hier gegenzusteuern und mehr Beteiligung der Kinder- und Jugendlichen zu fördern? Mit diesen Fragen startete die Workshop-Reihe des Netzwerk Bildung Digitalisierung zum Thema „Beziehungen in der Digitalität“.

Jugendstimmen laut machen

Digitale Settings, so die erste wichtige Erkenntnis, können dabei nur bedingt helfen, solange man die Jugendlichen sich alleine überlässt. Zwar geben es inzwischen eine ganze Reihe von Jugendbeteiligungstools, die aber erstens nicht gut angenommen werden und zweitens ihren Zweck verfehlen, wenn ein moderierendes Gegenüber fehlt. „Bevor man Tools sinnvoll einsetzen kann, braucht man ein Gespür für die eigenen Bedürfnisse und das, wofür man eintreten möchte“, so hieß es in der Diskussion. Jugendliche würden das alleine oft nicht schaffen. „Wir brauchen den kompetenten Blick von Erwachsenen.“ 

Dies auch deshalb, um ungute Dynamiken unter den Jugendlichen zu vermeiden. Als bewährter Lösungsansatz und gleichzeitig guter Hebel, um Beteiligung zu fördern, wurde der Aufbau eines Beschwerdemanagementsystems genannt, für das es inzwischen auch gute Handreichungen gebe. Oft würden in kleinen Gruppen innovative Ansätze entwickelt, die es aber nicht in die Breite schafften, weil der sichere Rahmen für einen Austausch fehlte. Hier seien Beschwerdeverfahren ein guter Weg, um das Risiko toxischer Kommunikation zu reduzieren und gleichzeitig Partizipation einzufordern. 

Natürlich spielt hierbei auch die gesellschaftliche und politische Sensibilität für die Belange von Jugendlichen eine Rolle. Um diese zu fördern, arbeiten verschiedene Initiativen an Volksbegehren im Bildungsbereich, wie man im Workshop erfuhr. Im Sinne eines neuen Fridays for Education möchte man Kräfte bündeln, Jugendstimmen laut machen und vor allem Visionen greifbarer machen. Vielen jungen Menschen sei gar nicht bewusst, wie radikal Bildung geändert werden könnte, einfach weil sie im Alltag kaum die Gelegenheit haben, sich adäquat zu artikulieren. „Fragt man nach wünschenswerten Veränderungen, fällt im Augenblick vielen kaum mehr ein als saubere Toiletten.“

Schüler:innen und nicht Fächer unterrichten

Nun hat die mangelnde Präsenz von Jugendstimmen nicht nur damit zu tun, wie anspruchsvoll es offenbar ist, Schüler:innen partizipativ in die Debatte um innovative Bildungskonzepte einzubinden, sondern vor allem auch damit, welche Möglichkeiten ihnen hierzu vonseiten der Lehrkräfte überhaupt gegeben werden. Dass hier offenbar Defizite bestehen und wie diese – auch unter dem Einsatz digitaler Tools – beseitigt werden könnten, das nahm der Workshop „Beziehungskompetenzen von Lehrenden stärken“ in den Fokus.

Klar wurde zunächst, wie anspruchsvoll die Beziehungsarbeit für Lehrende ganz grundsätzlich ist. Einerseits werde eine Kommunikation auf Augenhöhe eingefordert, andererseits agiere jede Lehrkraft zumindest institutionell aus einer Position der Autorität heraus: in der Beurteilung von Lernerfolgen oder der Offenheit für Feedback vonseiten der Schüler:innen, so ein erstes Zwischenergebnis der Teilnehmenden. Die Herausforderung bestehe nun darin, beides zusammenzudenken. Erwähnt wurde dabei auch das Konzept der sogenannten Gleichwürdigkeit, das der dänische Familientherapeut Jesper Juul in bewusster Abgrenzung zum Zustand der Gleichberechtigung entwickelte. Die Hierarchien bleiben bestehen, trotzdem ändert sich die Rolle des Lehrenden vom Faktenvermittler zum Methodenbegleiter.

Aber wie dies dann in der Praxis umsetzen? Davon berichtete recht eindrücklich ein Realschullehrer, an dessen Schule sich im Kollegium längst die Haltung etabliert hat, Schüler:innen und nicht Fächer zu unterrichten. Er selbst sei irgendwann von wechselnden Fächern auf blockweise strukturierten Projektunterricht umgestiegen. „Das war ein Wunsch der Schüler:innen, die meinten, so falle es ihnen viel leichter, sich auf die Inhalte einzulassen.“ Als Experten sehe er sich, wenn überhaupt, nur zu Beginn eines Themenblocks. „Ich bin am Anfang vielleicht etwas schlauer aber gegen Ende oft nicht mehr, wenn die interessierten Schüler und Schülerinnen viel tiefer in die Materie eingetaucht sind, als ich.“ Digitale Hilfsmittel setze er vor allem dann ein, wenn sie das Potenzial haben, Beziehung zu stärken. So erhalten Schüler:innen am Abend nach einem Referat jeweils ein persönliches Feedback per E-Mail. „Das kommt sehr gut an, viele berichten, wie sehr sie das stärkt, am Abend noch einmal in Ruhe zu reflektieren.“

Neue Beziehungsqualität im Digitalen

Nun mag die E-Mail am Abend tatsächlich ein nützliches Tool sein, um soziale Beziehungen digital zu stärken – in Zeiten von Hybrid- und Distanzunterricht stehen inzwischen noch eine ganze Reihe weiterer Tools zur Verfügung. Sich darüber auszutauschen und bewährte Methoden und Best Practices zu sammeln war das Ziel des dritten Workshops im Themenmonat „Beziehungen“. Und obwohl immer wieder zur Sprache kam, wie unersetzlich der direkte Kontakt eines Präsenz-Settings doch sei und wie schwer die Gruppendynamik in Videocalls herzustellen, kamen am Ende doch erstaunlich viele nützliche und wirksame Ansätze für den Beziehungsaufbau und die Beziehungsstärkung im Digitalen zusammen.

Zentral für jegliche digitale Formate entlang der gesamten Bildungskette, so war zu hören, sei eine gute Vorbereitung. Dazu gehöre zunächst das Beherrschen der Technik. „Kenne deine Tools, auch wenn es nur zwei sind“, brachte es eine Teilnehmende auf den Punkt. „Und entscheide dich im Zweifel immer für die einfachere, niederschwellige Variante.“ Hinzu komme eine gute Kommunikation schon im Vorfeld. Sei es durch erste Einschätzungen zu den Erwartungen und Zielen der Veranstaltung, die man über vorgefertigtes Formular einholt. Oder gar durch die Einbindung gut vernetzter Multiplikator:innen (etwa Jahrgangssprecher:innen), die positiv auf die Beteiligungsbereitschaft der Teilnehmenden einwirken können.

Gehe es an die konkrete Durchführung digitale Formate, empfehle sich eine ausgiebige Warm-up-Phase oder, falls die Teilnehmenden sich bereits kennen, ein Check-in: „Da genügt schon ein kurzes Hallo und wie es einem geht.“ Ein Uni-Dozent berichtete, wie er die kleinen, in den Videobildern ja oft mitgesendeten Ausschnitte von Privatheit dazu nutzt, die fehlende Beziehung im Analogen mit einer neuen,Beziehungsqualität im Digitalen zu kompensieren. „Ich bin meist zehn Minuten vorher im Raum und wenn ich etwas Interessantes sehe im Hintergrund, dann greife ich das auf.“ Auf diese Weise entstehe ein Link zwischen Alltag und Studium, den auch die Studierenden als neue interessante Beziehungsqualität schätzten.

Defizite anerkennen

Es liegt vor allem an den Lehrenden, so das vorläufige Fazit des Austausches, den Rahmen zu schaffen für eine gute Beziehung im Analogen wie im Digitalen. Lernende können sich nur dann öffnen, wenn man ihnen den Raum dafür gibt und offen für Veränderung ist. Digitale Lernformate entfalten nur dann ihre positive Wirkung, wenn sie flankiert werden durch eine gute Beziehungsarbeit. Das ist herausfordernd und bedarf eines hohen Maßes an Selbstkompetenz und -reflexion. Hier gäbe es, vor allem im Rahmen von Weiterbildungen und Schulungen, nach wie vor viel zu tun. Dazu allerdings müsse man den Mut aufbringen, so eine Teilnehmende, die nach wie vor großen Defizite innerhalb der Lehrer:innenschaft anzuerkennen, besonders in den Bereichen Selbststeuerung und Emotionsmanagement. „Lehrer:innen- und Schüler:innengesundheit kann man mit dem Ziel, die Heranwachsenden bestmöglich individuell zu unterstützen, eigentlich nur gemeinsam denken. Dafür müsste das Tabu fallen, auf diese Fragen nicht schauen zu dürfen.“