Gastimpuls

Prof. Dr. Kersten Reich, Lern- und Kulturforscher

Kersten Reich ist als internationaler Lern- und Kulturforscher im deutschen und englischen Sprachraum bekannt. Bis zu seiner Emeritierung 2017 war er Professor für „Internationale Lehr- und Lernforschung“ an der Universität Köln. Weit verbreitet sind seine pädagogisch-psychologischen Arbeiten zur Didaktik, Inklusion und Teamteaching. Mit seiner Fokussierung auf das menschliche Lernen widmete er seine jüngsten Arbeiten den Themen BNE digital und inklusiv sowie Nachhaltigkeit. Zudem war er wissenschaftlicher Leiter der Heliosschule – Inklusive Universitätsschule der Stadt Köln.


„One-size-fits-all“ passt bei Inklusion nicht!

Digitale Lernangebote sind bei Inklusion sehr wichtig, da so gezielt auf die besonderen Bedarfe eingegangen werden kann. Im internationalen Vergleich hängt Deutschland dabei hinterher und muss aufholen.

Es ist ein Bildungsskandal, dass es in Deutschland – wie in kaum einem anderen Industrieland – für Kinder mit Behinderungen oder für solche aus benachteiligten Familien schwierig ist, den gleichen Schulerfolg wie andere Kinder zu erzielen.

Dabei hat sich Deutschland im Jahr 2009 verpflichtet, allen Kindern und Jugendlichen ein inklusives Bildungssystem mit hohen Bildungschancen zu geben. Um ein solches Schulsystem bereit zu stellen, hätten schon lange die entsprechenden Konsequenzen gezogen werden müssen. Der internationale Vergleich zeigt, dass es etwa in Schweden für ein Kind aus benachteiligten Verhältnissen fünfmal leichter ist, Abitur zu machen als in Deutschland. 

Inklusion bedeutet, dass wir in unserem Schulsystem heterogene Gruppen viel stärker zulassen. Wir müssen diesen Kindern jenseits homogener Angebote des „One-size-fits-all“ differenzierte Lernchancen geben, nach Neigung, Interesse und Begabung voranzukommen. Dabei sollen sie durchgehend nach Kompetenz und Niveau gefördert werden. Gerade die Selbstwirksamkeit des Lernens muss stärker gefördert werden. 

Hier spielt das digitale Lernen eine wichtige Rolle, denn es kann die Selbstlernzeiten, die heute immer stärker in den Vordergrund treten, gut begleiten. Die Lernenden brauchen in diesem individuellen Selbststudium aber eine gute Lernbegleitung und Rückmeldung von den Lehrkräften. Diese Aufgabe kann mit digitalen Tools besonders gut organisiert werden: Lernplattformen mit Lernaufgaben, die strukturiert durch einen Lernprozess leiten, ermöglichen den Schüler:innen Lernerfolgserlebnisse. Ein solches Angebot gibt es aber nicht ohne Aufwand. Die Lehrkräfte benötigen zusätzliche Vorbereitungszeit, um fachübergreifend digitale Lernaufgaben zu erstellen. Ein Vorteil dabei ist, dass nicht jede Lehrkraft ihre Arbeit einzeln tut: Im Team werden Ideen gesammelt, um ein methodisch attraktives Angebot zu machen. Dafür gibt es in anderen Ländern sehr viele Ansätze, in Deutschland klingt es teilweise noch nach Zukunftsmusik. Gleichzeitig engagieren sich hier bereits viele Lehrkräfte und Schulleitungen, die sich auf den Weg gemacht haben, einen Wandel der Lernkultur herbeizuführen.