Veranstaltungsbericht

Ökosystem Bildung: Wie können Zugänge zu Bildung und Übergänge in der Bildungsbiografie chancengleich gestaltet werden?

Was nützt das schönste digitale Angebot, wenn die Zielgruppe nicht damit erreicht wird? Auf welche Weise Lernende Unterstützung bei Bildungsübergängen und Zugang zu Bildung in der Digitalität erhalten, diskutierten Expert:innen beim letzten Dialogforum des Jahres 2021 und berichteten von ihren Erfahrungen.

Carolin Wilms 01.12.2021

Ökosystem Bildung: Wie können Zugänge zu Bildung und Übergänge in der Bildungsbiografie chancengleich gestaltet werden?

“Technische Vernetzung” und “Chancengleichheit” wurden etwa genannt, als die erste interaktive Umfrage des Dialogforums die thematischen Erwartungen der Zuschauer:innen ermittelte. Und diese Themen wurden sogleich adressiert.

Der Zugang zu Bildung in der Digitalität ist auch an technische Voraussetzungen geknüpft. Aber nicht jede Schule verfüge über eine technische Gebäudeinfrastruktur, die digitale Bildung ermögliche, sagte Widar Wendt, Leiter Bildungsmanagement bei atene KOM, einem Beratungsunternehmen für Digitalisierungsprozesse und Partner im Netzwerk Bildung Digital.

Gütesiegel „Breitband Schulen“

In seinem Impulsvortrag benannte Wendt die derzeitigen Bedarfe an Schulen, um Chancengleichheit zu gewährleisten: zukunftssichere Breitband-Verkabelung mit dem branchenweiten Gütesiegel „Breitband Schulen“, Fortbildung für Lehrkräfte, professionalisiertes IT-Personal und abgesicherte Wartungskonzepte durch IT-Hausmeister:innen. Ein Spektrum, das atene KOM seinen Kunden der öffentlichen Hand anbietet, um „die Lücke zwischen Pädagogik und Technologie zu schließen“, wie Wendt endete.

Nationale Bildungsplattform in der Pipeline

Eine weitere Voraussetzung für chancengleichen Zugang zu Bildung sei ein „Ökosystem“, sagte später ein Teilnehmer der ersten Ideenwerkstatt und eine solche Kooperationsplattform, die Mehrwert durch die Bündelung von speziellen Angeboten bietet, ist in Deutschland bereits in der Pipeline: Das Konzept und den Status der Nationalen Bildungsplattform stellte Peter Hassenbach in seinem Gastimpuls vor. Er ist Leiter der Projektgruppe „Digitaler Bildungsraum“ im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), wobei die Nationale Bildungsplattform ein Baustein dieser umfassenden Initiative ist.

„Betriebssystem“ für Zugang und Teilhabe an Bildung

Hassenbach hob hervor, dass es sich bei der Nationalen Bildungsplattform um ein „Betriebssystem“ handle, das Teilhabe und Zugang zu Bildung schaffen solle. Angestrebt wird ein durchgängig digital gestütztes Gesamtsystem, das personalisiert sowie nutzendenzentriert konzipiert ist und nur der nutzenden Person das Recht gibt, über die eigenen Daten zu bestimmen. Auf diese Weise soll eine lebensbegleitende Bildungsreise ermöglicht werden, die informationell selbstbestimmt ist und so Orientierung und Information bietet, Teilhabe und Zugang ermöglicht sowie Vernetzung und Kollaboration in allen Bildungskontexten erleichtert.

„Dabei geht es nicht um Hardware oder Lernangebote“, machte Hassenbach deutlich. Bei der Nationalen Bildungsplattform sei das Vernetzen die zentrale Mission, um auch kompatible Bildungsangebote für Lehrende zugänglich zu machen.

Ziele und Zeitplan der Nationalen Bildungsplattform

Ziele, die mit der Einrichtung der Nationalen Bildungsplattform verfolgt werden, sind die Verknüpfung digitaler Lehr- und Lernszenarien, innovativer Konzepte und Methodenwissen als auch der Zugang zu Lehr- und Lernangeboten.

Die Entwicklung des ersten wettbewerblich erstellten Prototyps „BIRD“ des BMBF erfolgt derzeit. Zu Beginn des Jahres 2022 soll dieser bereitgestellt und der Nachweis der Interoperabilität erbracht werden. Der aktuelle Projektzeitplan sieht vor, dass bis Mitte 2023 Beschaffung und Umsetzung der Nationalen Bildungsplattform abgeschlossen werden soll.

Erfahrungen mit digitalen Bildungsangeboten

In der anschließenden Panel-Diskussion erklärte Julia Krämer-Deluweit, dass sie in digitalen Kontexten eng mit Eltern zusammenarbeite, deren Kinder sich im Übergang von Kita zur Grundschule befinden. Als Leiterin des familY-Programms von Education Y habe sie in der Pandemie zunächst Vertrauensräume schaffen und in den digitalen Raum überführen müssen.

Vor derselben Herausforderung standen auch die Lehramtsstudierenden, die seit dem Jahr 2013 für die Hamburger Initiative „Weichenstellung“ 3.200 Kinder und Jugendliche, die in ihrem Umfeld keine Unterstützung erfahren, bei Bildungsübergängen begleiten. Tatiana Matthiesen, Bereichsleiterin Bildung und Erziehung der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und Gesamtkoordniatorin der Initiative, berichtete, dass ihre Mentor:innen es geschafft haben, im digitalen Raum die Beziehung zu ihren Mentees aufrecht zu erhalten und ihnen Mut zu machen.

„Die Kinder haben während Pandemie gelernt, sich selbst zu verwalten, sich selbst steuern“, sagte Matthiesen. So sei eine gewisse Selbständigkeit bei den Mentees entstanden, die beim Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule, während der Schulzeit und beim Übergang von der Schule zur Ausbildung von ihrer Initiative betreut werden.

Vertrauen schaffen in der analogen Welt

Durch virtuelle Ausbildungsmessen konnte während der Pandemie der Zugang zur Berufswelt gewährleistet werden, sagte Monika von Brasch. „Es gab tolle Erfahrungen mit virtuellen Messeständen und hohen Besucherzahlen sowohl von Jugendlichen als auch von Eltern“, äußerte die hessenweite OloV-Koordinatorin vom Institut für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik – INBAS GmbH. Die Wahl der Kommunikationswege mit den Jugendlichen sei eine Herausforderung, sagt von Brasch. Die Terminvereinbarung per Whatsapp machen die meisten noch, aber im digitalen Raum über ihre Probleme zu reden, lehnen viele ab. „Solche Treffen sollten in Präsenz stattfinden“, sagt die Koordinatorin. „Es sollte immer eine Brücke geben zwischen Digital und Präsenz.“

Schwierige digitale „Kalt-Akquise“

Diese Aussage fand unter den Panel-Teilnehmenden viel Zustimmung. So hat auch Matthiesen die Erfahrung gemacht, dass die digitale Welt ihre Grenzen habe. Das Vertrauen zu den Kindern könne man nur analog aufbauen. Eine „Kalt-Akquise“ im digitalen Raum hält sie für nicht umsetzbar und der Erfolg gibt ihr recht: Zunächst habe man es geschafft, kein Kind aus ihrer Initiative zu verlieren und alle Mentees haben trotz pandemiebedingter Lockdowns ihre Schulabschlüsse geschafft.

Auch Julia Krämer-Deluweit fand, dass analoge Treffen weiterhin die erste Wahl seien. Einige pädagogische Fachkräfte ihres familY-Programms hätten Vorbehalte gehabt, digitale Treffen mit den Eltern durchzuführen, sich schließlich aber doch getraut.

Lernen von Selbsthilfegruppen

Projektleiter Hassenbach sah auch in digitalen Räumen Chancen, denn dort können etwa Pädagogen gesichtswahrend lernen und sich über ihre Erfahrungen austauschen, die sie mit der Informatik gemacht haben. Hassenbach betont den Rollentausch: Lehrende werden in der Digitalität zu Lernenden, denn sie müssen sehr viel Neues lernen. Aus seiner Sicht könne man viel von Selbsthilfegruppen lernen, die einen privaten Raum schaffen, in dem sie ihre Defizite äußern, aber auch sehr gezielte Hilfe bekommen. Deshalb müsse man Formate neu denken und digital gestützte Vermittlungsleistung zugänglich machen. So gibt es bereits eine bemerkenswerte Anzahl von zivilgesellschaftlichen Projekten und Initiativen, die erfolgreich Konzepte zur Lehrerweiterbildung in diesem Bereich anbieten.

Frau von Brasch sah die Chancen dieser Vermittlung auf ihrem Gebiet ähnlich, denn der nutzendenzentrierte Informationszugang für die Berufswahl sei für Jugendliche sehr wichtig. Nur so können sie gut informierte Entscheidungen aus der großen Vielfalt von Ausbildungs- und Studiengängen treffen.

Tools für Bildungsbiografien

Die Teilnehmenden in den anschließenden Ideenwerkstätten tauschten nicht nur Inspiration und Konzepte aus, sondern auch fundiertes technisches Know-how: Ein Teilnehmer aus der ersten Ideenwerkstatt berichtete von der Möglichkeit, identitäre Schnipsel etwa auf dem Handy lokal zu speichern und so auf Zeugnisse, Schüler;innenprofil und Mensakarte zugreifen zu können. In dem Zusammenhang erläuterte er die englische Abkürzung SSI (Self Sovereign Identity, Deutsch: eigene unabhängige Identität), die dem Nutzenden erlaube, mittels Authentifizierung (Englisch: minimal knowledge proof) übertragungssicher Daten zu übermitteln und so eine Identität für das lebenslange Lernen entstehe.

Stecker und Konnektoren

In der ersten Ideenwerkstatt wurde zudem von dem technischen Aufwand gesprochen, um Schnittstellen für (Bildungs-)Angebote in Portalen einzurichten. Es sei mit einem gewissen Aufwand verbunden, wenn jeder einen Stecker an jede beliebige Plattform dranstecken wolle, sagte ein Teilnehmer. Dies biete aber die Möglichkeit, über die gesamte Bandbreite des Bildungsnetzes auf derselben Plattform zu basieren. Der Fachmann sprach sich für eine möglichst einfache Verknüpfung der Formate mit dem Bildungs-Ökosystem aus, die einem Universalstecker mit fertigen Konnektoren gleiche. Das sei schwierig und aufwendig, aber nicht unmöglich.

Selbstbestimmte Bildungsbiografien

Um die Angebote, die Lernenden ermöglichen, selbstbestimmt ihre Bildungsbiografie zu gestalten, ging es in der zweiten Ideenwerkstatt. Dabei diskutierten die Teilnehmenden Fragen der gemeinsamen Vision und Haltung, die den Bildungsakteur:innen gerade bei Bildungsübergängen erlaubt, eine selbstwirksame Einflussnahme auf die Lerninhalte und -formate für Lernende auszuüben. Diese Überlegungen mündeten in den Themensetzungen für die beiden Workshops im November: “Bildungsbiografien durch Lernbegleitung selbstbestimmt gestalten” und „Erreichbarkeit und Vernetzung von (digitalen) Bildungsangeboten zur Begleitung und Gestaltung von Bildungszugängen und -übergängen“.

In der finalen Umfrage des Netzwerk Bildung Digital teilten die Zuschauer:innen mit, dass sie aus dem Dialogforum neue Informationen und Anregungen zu digitalen als auch analogen Schnittstellen, zu Niederschwelligkeit der Angebote und zum Ökosystem „Lernbiografie durch SSI“ mitgenommen hatten.